Im Tempel der Macht… oder die Sache mit den Weingummis

Montag 11. März, ich habe eine Einladung bekommen von unseren Landtagspiraten zu einem Vortrag des Botschafters der Schweiz nach Düsseldorf in den Landtag. Ich freue mich darauf, denn ich war noch nie im Landtag.Sie schreiben in dieser Einladung das sie sich auch auf mich freuen und auf eine spannende Diskusion mit mir. Doch irgend etwas regt sich in meinem Inneren,schon der Einladungstext weckt ein undeffinierbares komisches Gefühl in mir, da steht doch tatsächlich in der Einladung…“ seine Eminenz der Botschafter der Schweiz Herr …..“

Eminenz, an was erinnert mich das bloß ? Diese Einladung drückt einen gewissen Stolz der Verfasser aus, man freut sich und ist stolz darauf, das eine Eminenz den Verfassern die Ehre erweist, zu Ihnen zu kommen, um einen Vortrag zu halten.

Ich kenne dieses Gefühl, was sich da breit macht in mir, es war lange verborgen.Ich versuche mich zu erinnern, wann ich es das letzte mal hatte, dieses mulmige Grummeln in der Magengegend, gemischt mit Unsicherheit…. Doch ich denke nicht weiter darüber nach, sondern beschließe, die Sache mit der Eminenz an mich rankommen zu lassen. Das Wetter ist mieserabel, Schneetreiben, saukalt und glatte Straßen. Ich werde 1 Std. eher abfahren, um pünktlich zu sein.

Da baut sich die nächste Hürde vor mir auf, in Form meiner Frau. “ Du wirst doch nicht in Jeans und Pullover zu solch einer wichtigen Tagung fahren wollen. “ Ich hatte sie zwar nicht gefragt, was ich anziehen soll, aber wenn sie nun schon mal ihre Meinung rauslassen muß..was solls. Ich kenne das, Gegenrede ist zwecklos. Also was soll ich anziehen ? Sie meint, wenn ich zu einer Eminenz fahre und Gast von Landtagspiraten bin, ist das mindeste, ein weißes Hemd mit Krawatte und Sacko. Mein schwaches Argument, ich wäre ja Pirat und da ist sowas nicht nötig, geht völlig ins Leere. Ich beantrage eine Kompromißlösung, schwarzes besticktes Piratenhemd, Krawatte und Sacko…. Genehmigt.

15.00 Uhr ich fahre los. Wie kann es anders sein, mein Navi nimmt die Adresse nicht. Na egal, Landtag, da wird es sicher 100 Schilder in der Stadt geben wie man da hin kommt, also beschließe ich, ohne Navi zu fahren.    Das Gefühl ist wieder da .. Ich strafe es mit Mißachtung…

Die Autobahn ist noch einigermaßen frei, so daß ich mir Gedanken mache, was ich tun soll, wenn ich zu früh da bin. Doch diese Überlegungen sind völlig unnötig, denn nach der zweiten Runde durch Düsseldorf stelle ich fest, daß es keine Hinweisschilder gibt. Ich beschließe, an einer Tanke zu fragen und erhalte von 3 Kunden und einem Tankwart 5 verschiedene Anfahrtslösungen. Nun kommt zum Magengrummeln noch der Zeitdruck. Ich rufe den einzigen Landtagspiraten an, den ich kenne und frage nach dem Weg. Antwort: “ Wo bist du gerade? “ Ich sage: “ Straße x…y.“ “ Oh kenn  ich auch nicht und außerdem ich fahre immer mit der Bahn zum Landtag.“. Klasse! Also Augen auf und weiter suchen. Da sehe ich ein Schild, Landtag rechts weg…. Nur leider bin ich gerade auf der Gegenfahrbahn und in der Mitte sind Leitplanken. Ich beschließe, die nächste Ausfahrt zu nehmen um zu Wenden. Doch es kommt keine, ich fahre über eine riesige Brücke, wahrscheinlich der Rhein, immernoch keine Ausfahrt. Dann kommt eine. Ich fahre raus … Keine Gegenauffahrt. So langsam bekomme ich Schweißperlen auf die Stirn und mein Grummeln wird stärker. Ich fahre in die gefühlte richtige Gegenrichtung und tatsächlich komme ich nach ein paar Kilometern auf die gesuchte Gegenfahrbahn. Nun aber los. Es ist 15 Min. vor seiner Eminenz. Da das Schild – Landtag rechts – Oh mein Gott, was für ein Gebäude, welch ein Palast, wo ist die Tiefgarage…?  Gefunden..! Der Wachmann winkt durch. Klasse, super Orga unserer Fraktionspiraten. Parken kein Problem. Treppe rauf, mir kommen lauter Leute im Anzug entgegen mit Krawatte, weißem Hemd und Aktenkoffer. Mir kommt der Gedanke, ich hätte vielleicht doch auf meine Frau hören sollen.  Na wenigstens habe ich auch ne Aktenmappe, beklebt zwar, mit Piratensymbol und abgegriffen, aber immerhin… Ich trete aus der Tür des Treppenhauses und muß erstmal innehalten. Vor mir liegt eine große Halle in herlichem hellbraunen warmen Holz, verkleidet mit integrierter Beleuchtung und offener Galarie, Schauvitrinen rund angeordnet und davor dickes Sicherheitsglas mit Passantenschleuse und Wachleuten. Ich melde mich und will meinen PA zeigen, wie in der Einladung beschrieben. Der Wachsekretär erhebt sich von seinem Ledersessel, lächelt mich an und sagt “ Sie wollen zu den Piraten “ Ich antworte verblüfft “ ja“ und frage mich, woher weiß der das ? Den PA will er nicht sehen, obwohl ich ihn direkt vor die dicke Glasscheibe halte. Er sagt: “ Bitte gehen sie durch die Personenschleuse und legen sie alles ab, was auch nur nach Metall riechen könnte“. Ich denke, ist wie am Airport Frankfurt, da war ich schon mal, da läuft das auch so. Ich gehe und lege alles ab. Durchgehen und… piep..piep..piep. Ich sage: “ Ich habe nichts mehr aus Metall „. Der Wachhabende kommt mit einem Metalldetektor, bei meiner Brust macht es .piep..piep.

Ich sage, das können nur meine Stands aus meiner rechten Herzkammer sein. Das scheint ihn zu beruhigen und ich darf passieren. Er ruft mit noch hinterher “ rechte Treppe erste Etage rechts. “ Ich murmle ein „Danke“ und muß mich erstmal sammeln, das Grummeln im Bauch macht mich ganz verrückt und plötzlich erinnere ich mich auch wieder, woher ich das Gefühl kenne.

Ich war mal als junger Bursche in der alten DDR zu einer Besichtigung der Volkskammer in Berlin eingeladen. Ählicher Prunkbau, gleiche Sicherheitsstufe, gleiche Wahrnehmung, wie klein man  doch eigentlich ist, in solchen Tempeln der Macht. Nein, dachte ich, Jürgen, hier gehörst du eigentlich nicht her, du fühlst dich wohler in einem Bauwagen auf einer deiner Baustellen. Nun war ich die Treppe oben, es empfing mich eine riesige weiße Dekowand mit der Aufschrift “ Piratenfraktion im Landtag von NRW “ , weiß eingedeckte Stehtische, alles vom Feinsten.Viele Leute waren schon da und hatten in einem runden Konferenzsaal Platz genommen. Ich war so ziemlich der Vorletzte und wurde mit heftigem Winken aufgefordert, den Saal zu betreten. Ich schlich mich in die hinterste Reihe auf die letzte Bank. Mann, dachte ich, Konferenzbänke, gleiches warmes Holz, wie die gesamte Vertäfelung rundherum,  mit integrierten Mikrophonen und Sprechtaste. Ich dachte, bloß nichts anfassen. Ich blickte so in die Runde, keiner hatte von mir Notiz genommen, wäre ich nicht gekommen, wäre das sicher niemandem aufgefallen.

Den ersten inneren  Kreis bildeten unsere Landtagspiraten, jeder hatte ein tolles großes Namensschild vor seinem Platz, Getränke mit Gläsern vor sich stehen und Kaffee in Thermosbehältern mit weißen Porzelantassen vor sich. Die Konferenzleitung saß seperat am halbrunden Konferenzleitungstisch, unser Fraktionsvorsitzender, der Konferenzleiter, dann seine Eminenz der Botschafter, ( mit Krawatte und Anzug, ich muß an seine Frau denken, als ich ihn sah) und ein Herr,  wie ich dachte, der persönliche Handlanger seiner Eminenz, denn er bediente das Vorführgerät und brachte seiner Eminenz das Mineralwasser. Wie sich später herausstellen sollte, war dies jedoch der Honorarkonsul der Schweiz in Düsseldorf. Aber das konnte ich ja bis dahin nicht wissen, denn vorgestellt wurde er erst am Schluß..

Dann kam die zweite Reihe der runden Konferenztische. Dort saßen wichtige Piraten mit wichtigen Ämtern wie unser Wahlkampfkoordinator und andere. In der dritten und vierten Reihe saßen die normalen Gäste, so wie ich. Alles im ganzen waren ca. 70 Personen gekommen. Für Kaffee und Getränke hatte sicherlich das Geld nicht mehr für alle gereicht, denn es wäre wohl auch zu teuer gewesen, den 50 normalen Gastpiraten auch noch Kaffe und Getränke hinzustellen. Aber damit wir nicht leer ausgingen hatten wir einen Flyer mit einem Kugelschreiber der Piratenpartei an unseren Plätzen liegen. Und eine Kindertüte mit Weingummitalern, 7 Stück waren drin, wie ich später feststellen konnte.. Ich dachte, wenn keiner hinschaut nehme ich die Tüte mit, für meine 3 jährige Enkeltochter. Aber was mache ich mit der 8 Jährigen? Ihr könnte ich den Flyer geben… Und wieder das Grummeln im Bauch ..Jürgen was machst du hier…?

Kurze Zeit später war es soweit, nach Ankündigung durch den Konferenzleiter und braven Applaus der Gäste, begann seine Eminenz den Vortrag.

Ein zweites mal war ich sprachlos, soviel geballtes Wissen, soviel neue Erkenntnisse und soviel kluge Gedanken hatte ich lange nicht mehr gehört in meiner Partei. Ich habe versucht, die Worte, die Argumente und Fakten, die aneinandergereiht wie eine Perlenkette fast 1,5 Std. von seiner Eminenz in den Saal geschmissen wurden, förmlich aufzusaugen.

Und … das Gefühl im Bauch war weg, zumindest für den Augenblick.

Es war so vergessen, daß ich mich sogar zu einer öffentlichen Frage an seine Eminez in der anschließenden Diskussionsrunde habe hinreißen lassen, genauso wie alle wichtigen Piraten Fragen gestellt haben. Manche Fragen mit Sinn, manche weniger. Aber immerhin eine rege Diskussion.Völlig verdient, erhielt seine Eminenz am Schluß der Veranstaltung einen langen Applaus aller Anwesenden und der anschließende kalte Imbiss am Ende der Veranstaltung war seiner Eminenz würdig und sogar für uns alle zugänglich. Catering – Mädchen in weißen langen Schürzen und weißen Blüschen –  bedienten die wichtigen Gäste und halfen auch mal den anderen Gästen, wenn sie Zeit hatten.  An dieser Stelle bedauerte ich unsere Landtagspiraten, wieviel Geld  sie wohl sammeln mußten unter sich 20 Leutchen, um das bezahlen zu können. Ich kenne das von uns, da bezahle ich immer das meiste, weil so mancher Piratenkollege von Harz IV leben muß und sich kaum `ne Cola leisten kann, wenn wir mal eine größere Veranstaltung machen. Essen konnte ich leider nichts, aber ein Wasser habe noch getrunken. An dieser Stelle .“.Danke“  dafür.

Nun war der Zeitpunkt gekommen, wo ich mir die Tüte Weingummi einstecken wollte. Ich schaute mir die tolle Tüte an, Piratenlabel mit Fraktionshinweis zum Landtag NRW aufgedruckt, Twitter und Facebook Hinweis aufgedruckt. Und Ihr werdet es nicht glauben, sogar die Gummitaler waren mit unserem Piratensymbol versehen, unserem Segel.

Jetzt war ich zum dritten Mal sprachlos, Piratensegel auf Weingummitalern geprägt, woher haben unsere Landtagspiraten so etwas. Wieviel Geld müssen Sie wohl dafür eingesammelt haben, um solch repräsentative Gastgeschenke auf die Tische zu legen.

Nun werde ich ein wenig nachdenklich, ich denke an meine Piraten in Gelsenkirchen. Wir haben hier nicht mal ´nen Luftballon für die Kinder an den Infoständen, geschweige, piratigen Weingummi. Kugelschreiber sind Mangelware, wie früher die Bananen in der DDR. Kalte Imbissbuffets vom Caterer sind unerreichbare Utopie, bei uns machen die Ehefrauen belegte Brötchen. Vielleicht sollten wir mal eine Anfrage an die Firma Haribo stellen, wegen der Weingummis.  Nur, wieviel Geld müssen wir dafür einsammeln? Man wird uns ja wohl dafür nicht auslachen?  Natürlich sind wir auch nicht so wichtig und Eminenzen sind bei uns auch nicht zu Gast. Wir führen keine so wichtigen Tagungen durch und gehen nicht in Klausuren mit Vollpension in 5 ***** Hotels in Dortmund .

Und schwups, da ist es wieder da, dieses Bauchgefühl. Ich werde es in Zukunft „Das Gefühl des kleinen Piraten nennen“, in Erinnerung an diesen schönen Nachmittag im Landtag. Und immer wenn es mich im Vorfeld einer Veranstaltung beschleicht, lasse ich die Finger davon und bleibe der, der ich bin und dort wo ich bin, denn dort gehöre ich hin.

Auf dem Nachhauseweg habe ich noch für mich das Tagessresüme gezogen aus diesem sehr schönen Landtagsnachmittag:

1. Ich habe sehr viel Wissen mitgenommen, getreu unseren piratigen Gundsatz, “ Bildung muß kostenlos sein “

2. Ich gehöre in solche Paläste nicht rein, ich bin auch fehl am Platze in solchen Kreisen, dort ist man sowieso lieber unter sich.

3. Die Weingummis werde ich nicht meiner kleinen Enkeltochter schenken, ich stelle sie zur Erinnerung an diesen schönen Tag in mein Glasteil der Büroschrankwand.

4. Den Flyer und den Kugelschreiber gebe ich einem Piraten aus meinem AK Kommunalpolitik bei der nächsten Sitzung und ich werde allen Kollegen und Gästen eine Cola spendieren ;=)

 

Nachsatz des Verfassers:

Sorry,sorry,sorry Herr Botschafter, da habe ich doch tatsächlich Eminenz mit Exellenz verwechselt.  Aber wen inetrresiert das schon……

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2 Gedanken zu „Im Tempel der Macht… oder die Sache mit den Weingummis

  1. Horst Wesling

    Lieber Jürgen Hansen,
    selten wurde ich auf derart unterhaltsame und unaufdringliche Weise angeregt, über PIRATIGE GRUNDSÄTZE, KORRUMPIERUNG und AUFRICHTIGKEIT nachzudenken.
    Dafür Respekt und Dank.
    Mögest Du mit Gottes und medizinischer Hilfe (Stichwort „Stent“) noch ganz viel Zeit haben, auch für die Zusammenfassung dieserart Berichte als „PIRATIGES LESEBUCH FÜR ALLE“.
    Jürgen, bleib dran.
    Mit freundlichen Grüßen
    Horst Wesling

    Antwort
    1. Jürgen Hansen

      Lieber Horst,
      vielen Dank für deine netten Zeilen, das zeigt mir das es Leser für solche Art Blogs gibt. Und es bestärkt mich in meiner Absicht dieser meiner Partei, zu der ich aus ganzem Herzen stehe ab und an mal einen Spiegel vor zu halten.

      Antwort

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